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Dunkelrestaurants – Intelligenztraining für die Sinne

von Didem Tali

Ein Dunkelrestaurant in Phnom Penh bietet ein besonderes Erlebnis für die Sinne und schafft dabei Arbeitsplätze für Menschen mit Sehbehinderungen.

Lesezeit: 05 Minuten

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Bei lilafarbenem Dämmerlicht begrüßt die 29-jährige Kellnerin Honey Gäste am Eingang eines hohen, traditionellen Khmer-Gebäudes in Kambodscha.

„Ich werde Sie heute bei Ihrem Abendessen begleiten“, sagt Honey, die ihren richtigen Namen nicht nennen möchte, auf Englisch und öffnet einen Safe. „Aber bevor wir uns nach oben in den Speisebereich begeben können, müssen Sie sämtliche Gegenstände hier lassen, die Licht ausstrahlen – Handys, Taschenlampen, Kameras, Armbanduhren – alles, was die Finsternis stören könnte.“

Nachdem die Gäste ihre elektronischen Geräte im Safe eingeschlossen haben, nimmt Honey sie bei der Hand und legt diese auf ihre Schulter. „Folgen Sie mir“, weist sie an. „Je weiter wir nach oben steigen, desto finsterer wird es werden, und der Speisesaal ist stockdunkel.“

Mit jedem Schritt auf der Holztreppe wird das lila Licht schwächer, bis es schließlich ganz verlischt. Die Gruppe durchschreitet mehrere dicke, lichtblockierende Vorhänge, bis sie sich schließlich im Speisesaal in absoluter Finsternis befindet. Während die Gäste hinter den sicheren Schritten der Kellnerin herstolpern, versuchen ihre Augen verzweifelt, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen.

„Hier ist Ihr Tisch“, sagt Honey und legt jedem Gast die Hand auf das Platzset, mutmaßlich neben das Besteck. Was sie ihnen verschweigt, ist die Tatsache, dass dieses Erlebnis für sie völlig normal ist. Honey, ebenso wie die anderen Bedienungen im Restaurant Dine in the Dark in Phnom Penh, ist blind. Seit 2013 geleiten sie Besucher durch eine Sinneserfahrung beim Essen in der Hauptstadt von Kambodscha.

Stimulation für die Sinne

Im Jahr 2012 eröffnete der aus der Schweiz stämmige, 35-jährige soziale Unternehmer Julien Wallet-Houget Dine in the Dark in Bangkok. Damals faszinierte Herrn Wallet-Houget nicht nur, was wir essen, sondern auch, wie sich das Ambiente dabei auf unser Geschmacksgefühl und das Erinnerungsvermögen auswirkt.

„Ich hatte ein besonders ausgeprägtes Interesse für Lifestyle, einzigartige Restaurants und Erlebnisabende“, sagt er.

Eine Erfahrung im Schweizer Sinnesrestaurant blindekuh im Jahr 1999 weckte in ihm die Faszination für das Konzept, Essen ohne einen unserer wichtigsten Sinne zu kosten: das Sehen.

„Wenn einer unserer Sinne wegfällt, arbeiten die anderen Sinne noch intensiver“, erklärt er. „Ohne jegliche Ablenkung konzentriert man sich ausschließlich auf das Essen. Die Zunge nimmt Dinge wahr, die man normalerweise gar nicht bemerkt.“

Tatsächlich scheinen Gäste des Restaurants in Phnom Penh beim Verzehr eines der Drei-Gänge-„Überraschungsmenüs“ neue Geschmacksnerven zu entdecken. Internationale, vegetarische, Khmer oder hauseigene Spezialitäten. Die verschiedenen Gänge enthalten eine Mischung aus knackigem und weichem Gemüse, heißen und kalten Vorspeisen, sowie ein Dessert mit harten und zarten Früchten. Viele Gäste legen gegen Mitte des Menüs das Besteck zur Seite und entscheiden sich, fortan mit den Fingern zu essen. Dabei bemerken sie oft erst jetzt, dass ihr Teller eine Herzform hat.

„Essen im Dunkeln steckt voller Überraschungselemente“, betont Herr Wallet-Houget. „Wir kombinieren Nahrungsmittel unterschiedlicher Textur, Temperatur und Konsistenz und versuchen dabei, die Sinne spielerisch zu stimulieren.“

Wie sich herausstellt, regt das Erlebnis nicht nur die Geschmacksnerven an. Wenn einer unserer wichtigsten Sinne längere Zeit ausfällt, hat dies Auswirkungen auf neuronale Verknüpfungen in unserem Gehirn – ein Prozess, der als cross-modale Plastizität bekannt ist.

Gäste, die zum ersten Mal ohne Ihren Sehsinn auskommen müssen, werden kaum die gleichen Fähigkeiten wie jemand entwickeln, der mit einer Sehbehinderung lebt, wie ein besseres Konzentrationsvermögen, feineres Gehör oder erhöhte Sensibilität gegenüber anderen Sinneseindrücken. Da unser Sehsinn die Geschmacksnerven nachweislich beeinflusst, führt die Abwesenheit von visuellen Reizen jedoch dazu, dass andere Sinne (Geruchssinn, Tastsinn, Geschmackssinn) auf neue Weise gefördert werden und wir unser Essen völlig neu empfinden.

Mehr als Speisen

Herr Wallet-Houget wollte, dass sein eigenes Sinnesrestaurant mehr als nur ein anregendes Erlebnis bietet. Nach jahrelanger Arbeit im gemeinnützigen Bereich, u. a. für die UN, entschied er sich, unabhängig von Spendern oder Wohltätigkeitsorganisation ein Unternehmen aufzubauen mit dem Ziel, Arbeitsplätze für die lokale Bevölkerung zu schaffen.

Dem Unternehmer kam die Idee, seinem Geschäftsmodell in Südostasien einen tieferen Zweck zu geben, indem er ausschließlich blindes Servicepersonal einstellt und ausbildet.

„[In Cambodia], Menschen mit Sehbehinderung haben oft schlechte Berufsaussichten“, begründet er. „Ich muss leider zugeben, dass unsere Bedienungen oft überqualifiziert für ihren Job sind, aber ihnen fehlen Alternativen.“

Honey zum Beispiel ist eine von 144.000 Blinden in Kambodscha, einem Land, das eine der höchsten Blindheitsraten – und Armutsquoten – der Welt aufweist. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation gehören Menschen mit Behinderungen zu den Hilfsbedürftigsten in Kambodscha, da ihnen Bildungs-, Ausbildungs- und Arbeitschancen fehlen. Und obwohl Kambodscha ein Land mit 14 Millionen Einwohnern ist, leben viele Behinderte aufgrund der schlechten Infrastruktur und des hektischen Verkehrs in Isolation.

„Es kommt sehr selten vor, dass man jemanden mit Behinderung auf der Straße trifft“, bestätigt Herr Wallet-Houget, „und noch seltener, dass man mit einem Behinderten in Kontakt oder ins Gespräch kommt.“

Honey ist in vielerlei Hinsicht ein Ausnahmefall. Obwohl sie von ihren Eltern verstoßen wurde, steht sie kurz vor ihrem Bachelor-Abschluss mit einem Diplom in englischer Literatur und spricht etwas Japanisch, was sie einem Austauschprogramm in Japan zu verdanken hat. Doch selbst für sie bleibt es schwer, sich auf der Straße von Phnom Penh zurechtzufinden. Wenn sie in den schmalen Gassen, die mit Motorrädern und Tuk-Tuks wimmeln, unterwegs ist und die Straße überqueren möchte, ist sie auf die Hilfe von Fremden angewiesen. Das sei ihr oft zu viel, gibt sie zu, und so bleibe sie lieber zu Hause.

Deshalb geht es bei Dine in the Dark auch darum, Einfühlungsvermögen zu vermitteln, indem die Rollen vertauscht werden.

„Wenn Sie sich von einem Sehbehinderten in einen stockdunklen Raum führen lassen, begeben Sie sich für eine Weile in dessen Schuhe“, erklärt Herr Wallet-Houget. „Er kennt diese Welt. Sie nicht.“

Honey sagt, manche Menschen fühlten sich unwohl oder gerieten in Panik, wenn sie zum ersten Mal den Speisesaal betreten, doch für viele sei es ein meditativer Abend. Ohne die Ablenkung elektronischer Geräte können sich Gäste voll und ganz auf ihr Essen konzentrieren ohne sich Sorgen zu machen, wie sie beim Essen mit den Händen aussehen oder wer sie als nächstes kontaktieren wird. Stattdessen essen sie mit allen Sinnen und lassen sich überraschende Speisen im Dunkeln auf der Zunge zergehen.

„Früher oder später entspannen sie sich und genießen ihr Essen“, sagt Honey. „Und sie merken, dass es gar nicht so schlimm ist, im Dunkeln zu tappen.“