6 Fragen

6 Fragen an Gbenga Akinnagbe

von Julie Schwietert Collazo

Gbenga Akinnagbe hat seine Kreativität erst als Erwachsener gefunden. Heute ist sie sein gesamtes Vokabular.

Lesezeit: 05 Minuten

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Wenn Sie Mitte der 2000er auch süchtig nach der Serie „The Wire“ auf HBO waren, kennen Sie Gbenga Akinnagbe (38) möglicherweise aus seiner Rolle als Chris Partlow, dem rücksichtslosen Killer mit dem besonderen Talent, Leichen im urbanen Dschungel von Baltimore verschwinden zu lassen.

Obwohl er seine Karriere als Schauspieler weiterverfolgt (nachdem „The Wire“ 2008 eingestellt wurde, spielte er in „Madam Secretary“, „The Good Wife“ und anderen Fernsehserien mit), ist der Brooklyner heute auf einem ganz anderen kreativen Gebiet bekannt – im Design.

Akinnagbe, Sohn nigerianischer Eltern und aufgewachsen in Maryland, gründete im Jahr 2012 ein Modelabel. Mit Liberated People verzichtet er bewusst auf High Fashion und produziert Mode mit politisch orientierten Grafiken und Slogans.

Sein jüngstes Projekt ist subtiler, aber wohl noch provokativer. Enitan Vintage, gegründet im Jahr 2015, restauriert alte amerikanische Möbel mit Bezugsstoffen in leuchtenden Farben und mit afrikanischen Mustern. Mit dieser Ironie vermittelt er eine starke Botschaft – über Geschichte und darüber, wer sie erzählen kann. Das Paradebeispiel: Wenn ein Sofa, das einst auf einer Plantage im Wohnzimmer eines Sklavenhalters stand, mit einem Stoff in leuchtenden afrikanischen Farben bezogen ist, wird ein Zeugnis der Handwerkskunst aus der Zeit vor dem Sezessionskrieg zum Gesprächsthema über die widersprüchlichen historischen Sichtweisen jener Zeit.

Wir haben mit Akinnagbe über seine kreative Laufbahn gesprochen und ihn gefragt, wie er Objekte verwendet, um alte – und neue – Geschichten zu erzählen.

Können Sie sich an einen frühen kreativen Moment erinnern?

Ich wünschte, ich könnte es, aber ich habe meine eigene Kreativität erst als Erwachsener entdeckt. Ich bin mit verschiedenen Wohnprojekten aufgewachsen und die Kreativität kam erst viel später in mein Leben.

Heute ist sie meine Ausdrucksform. Das ist interessant, weil „Enitan“ „Person der Geschichte“ bedeutet. Den Namen trugen sowohl Männer als auch Frauen in der Yoruba-Kultur und es ist mein zweiter Vorname. Und fast alles, was ich heute tue, hat mit Geschichten zu tun. Ich habe meine Ausdrucksform im Erzählen von Geschichten gefunden. Oft fragen mich Leute nach meiner Schauspielerei und dann bin ich überrascht, weil das Schauspiel nur ein kleiner Bestandteil meines Lebens ist. Es ist nur einer der Pinsel, die ich verwende, um Geschichten zu erzählen, mit der Welt zu kommunizieren oder mich selbst auszudrücken.

Haben Sie eine kreative Philosophie?

Vor Jahren habe ich „The Creative Habit“ von Twyla Tharp gelesen und dort werden zum Thema Kreativität zwei Grundgedanken beschrieben. Erstens: Du wirst damit geboren. Und zweitens: Du kannst durch Praxis und Übung deine kreativen Ressourcen anzapfen. Dabei legte die Autorin den Schwerpunkt auf die Praxis – tu es einfach, immer und immer wieder.

Ich denke, es ist eine Kombination aus Beidem, meistens kommt die Kreativität von selbst, während man an etwas arbeitet. Wir alle tragen diese Gaben in uns und der beste Weg besteht darin, sie zu erkennen und daran zu arbeiten, sie aus unserem Inneren nach außen zu tragen und mit anderen zu teilen.

WIE SIND SIE ZUM MÖBELDESIGN GEKOMMEN?

Enitan ist entstanden, weil ich viel reise und alte Dinge liebe. Am Anfang hatte ich gar nicht vor, ein Unternehmen zu gründen, das Vintage-Möbel produziert. Ich war auf der Suche nach einem Eigenheim und jemand in der Nachbarschaft wollte gerade sein Haus verkaufen. Während wir verhandelten, gingen wir eines Tages in seinen Keller, wo wunderbare alte Möbel achtlos abgestellt waren. Am Ende habe ich nicht das Haus, sondern diese Möbel gekauft.

Da gab es einen Sessel, aus dem die Federn herausragten. Aber er war wunderschön und ich wollte herausfinden, wie ich ihn restaurieren kann. Ich ging zu einem Polsterer und der fragte mich, wie ich mir den Sessel wünsche. Ich sagte: „So, wie er ursprünglich war“. Und er antwortete: „Das geht nicht. Der ist zu alt.“ Also musste ich über die Zukunft meines Objekts selbst entscheiden.

Ich sah mich in der Umgebung nach traditionellen Bezugsstoffen für Polstermöbel um, aber nichts sprach mich wirklich an. Etwa ein Jahr später war ich zu Filmaufnahmen in Südafrika. Von dort habe ich mir Stoff mitgebracht und für diesen Sessel verwendet. Als er fertig war, habe ich ihn in mein Wohnzimmer gestellt und alle, die ihn sahen, waren restlos begeistert. Sie begannen, ihn in seinem neuen Glanz zu sehen, und mir gefiel das. Also dachte ich mir, davon könnte ich noch mehr machen.

Ihr Slogan lautet „Sit on a story“ Was möchten Sie Ihren Kunden damit sagen?

Dinge, mit denen wir unseren Lebensraum und unser Leben gestalten, sind viel wichtiger, als wir oftmals annehmen. Diese Stücke, Möbelstücke – tragen Energie in sich, die Energie der Menschen, die sie einst gebaut haben, die Energie jener Zeit und die ihrer späteren Besitzer. Wir können diese Objekte in Ehren halten, indem wir sie auch in unser Leben bringen. Seitdem habe ich viel über solche Objekte gelernt, darüber, wie sie einen Raum bereichern und wie sie auf Menschen wirken, wenn ich sie in ein Ambiente einbinde. Letztendlich läuft alles auf die Geschichten hinaus, die wir erzählen möchten.

Enitan scheint von historischen Konflikten zwischen Kulturen inspiriert zu werden. Wie können diese Zeitzeugen umgestaltet werden?

Ich könnte es mit Blues in der Musik vergleichen. Viele wunderbare Ausdrucksformen von Schmerz werden Teil einer Kultur und für Menschen zu Wegen, sich mit Freude selbst auszudrücken.

Ich denke viel über die Nuancen und Empfindungen dieser Rückgewinnung nach und darüber, wie wir selbst „zusammengesetzt“ sind. In den USA haben wir zum Beispiel die antike amerikanische Kultur und Handwerkskunst, die viktorianische, aber auch andere europäische Kulturen und schließlich jene der Menschen, die einst als Sklaven hierhergebracht wurden. So haben wir alle Zeichen und Spuren hinterlassen.

Für mich sind Möbel, besonders die älteren Stücke, ein wunderschönes Beispiel dafür, wie hässlich wir waren und wie schön wir sein können. Sie haben jene Zeiten erlebt, in denen Leute wie ich noch in Ketten lagen. Sie verströmen Energie und verkörpern jene historischen Momente. Ich liebe diese von der Zeit geprägten Objekte. Sie erinnern mich an die vergangenen Zeiten. Und heute kann ich die Geschichte, die sie erzählen, selbst wählen.

Wie stimulieren Sie Ihre Kreativität?

Ich versuche, so viele Dinge wie möglich zu tun. Und ich versuche, das, was ich tue, besser zu machen. Ich war schon immer zielgerichtet, weil ich möchte, dass Dinge eine Wirkung erzielen. Ich gehe in Museen, versuche, mehr über Designer und Dekors zu erfahren, und all das fasziniert mich. Mit dem Gelernten experimentiere ich und dann fühle ich mich auch in meinem eigenen Ausdruck stärker und weiß: Das gefällt mir, das nicht. Damit möchte ich experimentieren. Ich fühle mich angeregt, Neues auszuprobieren.