TED Inspiration

Warum Angst langweilig ist und andere Tipps für eine kreative Lebensweise

von Elizabeth Gilbert

Elizabeth Gilbert, Bestsellerautorin von „Big Magic: Nimm dein Leben in die Hand und es wird dir gelingen“, verrät 11 Wege, klug mit Kreativität umzugehen.

Lesezeit: 12 Minuten

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Kreativität ist ein verzwicktes Wort. Berater hausieren damit, Marken versprechen sie und wir alle suchen nach ihr – oftmals ohne genau zu wissen, was „das“ eigentlich ist. Mit anderen Worten, zum Thema Kreativität wird viel Unsinn geredet. Autorin Elizabeth Gilbert (TED Talks, Ihr scheues kreatives Genie) bringt es mit ihrer erfrischenden Sichtweise zum Thema auf den Punkt. Ihrer Meinung nach tragen wir alle bereits Kreativität in uns, wir müssen nur herausfinden, wie wir unsere Inspiration nutzen und den kreativen Geist darin entfesseln können. Hier gibt sie ihre besten Tipps, wie wir auf sinnvolle Weise unsere Kreativität ausleben können.

1. Wenn Sie lebendig sind, sind Sie auch kreativ.

Wie oft haben Sie schon jemanden sagen hören: „Ich bin nicht kreativ“? So als hätte jemand diesen Personen als Kind ein Schild umgehängt, das sie dann ihr Leben lang um den Hals tragen müssen. Aber anstatt dies in Frage zu stellen, weil sie dann nämlich auf stur schalten würden, fordere ich die Leute auf, in ihrem Satz das Wort „kreativ“ durch das Wort „neugierig“ zu ersetzen, damit sie merken, wie lächerlich das klingt. Wenn Sie sich nicht von dem Zweifel befreien können, den das Wort „Kreativität“ bei Ihnen auslöst, weil Sie auf den Mythos hereingefallen sind, dass es den Besonderen, den Gepeinigten und den Profis vorbehalten ist, verwenden Sie stattdessen einfach das Wort „neugierig“ und Sie werden feststellen, dass Sie eine sehr kreative Person sind, weil Neugier die Quelle jeder Kreativität ist. Und wenn Sie sich dann auf Ihre Neugier einlassen und sich gestatten, ihr zu folgen, wohin auch immer sie führt, werden Sie rasch herausfinden, dass Ihr Leben schon wesentlich kreativer ist als im letzten Jahr.

2. Sie sind kein Genie, Sie haben Genie.

Mein spontaner Grundgedanke im Hinblick auf Kreativität ist die Idee, dass die Inspiration nicht von mir ausgeht, sondern zu mir kommt. Und das glaube ich, weil es sich erstens tatsächlich so anfühlt, und zweitens, weil seit der Aufklärungszeit praktisch jedes menschliche Wesen Inspiration genau so beschrieben hat. Selbst sehr rationale und wissenschaftlich orientierte Menschen sagen „… und dann kam mir diese Idee“. Spontan drücken sie sich so aus, auch wenn sie es später, auf Rückfrage, möglicherweise verleugnen und uns ausführlich erklären wollen, welcher Teil ihres Cortex die Idee hervorgebracht hat. Mit anderen Worten, sie würden es entzaubern und damit langweilig werden lassen. Ich behalte lieber den Zauber, weil ich glaube, dass Kreativität den einzigen Bereich in unserem Leben darstellt, in dem magisches Denken sicher und wirklich nützlich ist.

3. Erschaffen Sie etwas, tun Sie etwas, tun Sie irgendetwas.

Kreatives Denken ist ein wenig, wie einen Border Collie zu besitzen. Sie müssen ihn beschäftigen oder er sucht sich selbst Beschäftigung, die Ihnen wahrscheinlich nicht gefallen wird. Wenn Sie zur Arbeit gehen und Ihren Border Collie allein zu Hause lassen, werden Sie nach Ihrer Rückkehr feststellen, dass er sich selbst beschäftigt hat, vielleicht damit, Ihre gesamte Sofapolsterung herauszuzerren oder das Toilettenpapier Stück für Stück in der Wohnung zu verteilen. Bei einem kreativen Kopf ist es genau dasselbe. Das ist meine Erfahrung mit kreativem Denken. Wenn ich ihm keine Aufgabe gebe, sozusagen einen Ball zum Hinterherjagen, ein Stöckchen zum Zurückbringen, ein paar Enten zum Zusammentreiben, dann schaltet es auf Autopilot. Für meine geistige Gesundheit ist es sehr wichtig, diesen Hund immer in Bewegung zu halten. Also geben Sie Ihrem Hund etwas zu tun und sorgen Sie sich nicht darum, ob das Ergebnis überwältigend oder ewig während ist, ob es das Leben der Menschheit oder die ganze Welt verändert, ob es Sie verändert, ob es originell, bahnbrechend oder vermarktbar ist. Geben Sie einfach Ihrem Hund eine Beschäftigung und Sie werden wesentlich glücklicher leben, ganz gleich, was diese Beschäftigung hervorbringt.

4. Hören Sie auf, zu jammern und machen Sie sich an die Arbeit.

Sie werden niemanden so oft und gern klagen hören wie Menschen, die kreativ tätig sind. Sie sind die quengeligsten, gehässigsten Kinder, die Sie je getroffen haben. Diese Anspruchshaltung und das Gejammer aus den Mündern dieser Leute macht mich verrückt. Du beschäftigst dich in deinem Leben mit der höchsten Ausdrucksform des menschlichen Gehirns und hast nichts Besseres zu tun, als darüber zu meckern? Jetzt komm mal runter! Niemand hat dich dazu gezwungen. Du benimmst dich, als wären deine Gaben und dein Talent eine Bürde, als wärst du von deinen kreativen Unterfangen erschöpft, als hättest du es nicht selbst gewählt, sondern wärst von einem boshaften Diktator dazu gezwungen worden. Das ist einfach lächerlich. Und was das Schlimmste ist, du verscheuchst damit deine eigene Inspiration. Inspiration möchte, wie jeder von uns, geliebt und geschätzt werden. Und wenn du ständig darüber klagst, wie sie dein Leben ruiniert, wird sie sich abwenden. Wenn ich also Kreative darüber jammern höre, wie schwer sie es haben, wie ihre Arbeit sie auslaugt und wie furchtbar alles ist, möchte ich ihrer Inspiration am liebsten zuflüstern: „Hey, wenn du es leid bist, komm doch rüber zu mir“.

5. Frustration ist keine Unterbrechung des Prozesses, Frustration ist der Prozess.

Ich habe viele talentierte, kreative und einfallsreiche Personen gesehen, die auf ihre Arbeit schimpfen oder, noch schlimmer, Dinge aufgeben, weil sie auf ihrem kreativen Weg, was immer sie auch kreieren wollten, an irgendetwas gescheitert sind. Und sie sprechen von dieser Frustration, als wäre sie ein Hindernis, das aus dem Weltall kommt und alles ruiniert. Sie wollten doch nichts anderes als kreativ sein und hier kommt schon die nächste Frustration, die alle Freude daran nimmt, die es unmöglich macht, die Arbeit fortzusetzen und die das ganze Spiel zerstört. Dazu kann ich nur sagen: „Leute, ihr habt den ganzen Prozess falsch verstanden! Ihr seid nur in den Augenblick des kreativen Prozesses verliebt, in dem alles glatt läuft, wenn alle Motoren auf Hochtouren laufen, die Inspiration fließt und sich alles einfach anfühlt, wenn es Spaß macht und erfreulich ist.“ Genau hier liegt nämlich der Fehler. Jener leichte, beschwingte Moment, in dem alles großartig funktioniert, ist nicht die Normalität. Er ist das Wunder, das ab und zu geschieht, wenn ihr Glück habt. Die Frustration, der harte Teil, das Hindernis, die Unsicherheiten, die Schwierigkeiten, das „ich habe keine Ahnung, was ich damit jetzt anfangen soll“ – das ist der wahre kreative Prozess. Und für alle, die sich diesen Prozess ohne Frustration und Schwierigkeiten wünschen, ist diese Arbeit nicht das Richtige.

Wahre Inspiration und Wachstum entstehen aus Schwierigkeiten und Herausforderungen, aus der Bereitschaft, sich vom Komfortablen und Vertrauten zu lösen und das Unbekannte zu entdecken.

Ben Saunders

6. Befreien Sie sich von dem Hirngespinst der Perfektion.

Perfektion ist der Tod aller guten Dinge. Perfektion ist der Tod des Vergnügens. Sie ist der Tod der Produktivität. Sie ist der Tod der Effizienz. Sie ist der Tod der Freude. Perfektion ist nur ein Knüppel, der um sich schlägt und alles Gute zerstört. Jemand hat mir einmal vorgeworfen, ich sei unaufrichtig, wenn ich das sage, weil ich ja schließlich auch versuche, meine Arbeit so gut wie möglich zu machen. Das ist absolut korrekt, aber zwischen „so gut wie möglich“ und Perfektion liegt ein großer Unterschied.

7. Sie können Ihre Angst nicht loswerden, aber denken Sie daran, dass Angst langweilig ist.

Ich habe ein grundlegendes Problem mit dem Mythos von Furchtlosigkeit und es frustriert mich, wenn Furchtlosigkeit als Tugend hochgehalten wird. Es gibt mir das Gefühl, in der falschen Schlacht zu kämpfen. Denn einerseits sollten wir nicht versuchen, unsere Angst loszuwerden, weil wir sie zum Überleben brauchen. Wir sind heute hier, weil wir Angst hatten, die uns geschützt hat. Daher finde ich, unsere Angst wird nicht genug wertgeschätzt, wenn wir sagen, dass wir furchtlos sein wollen. Andererseits ist Angst der älteste, tiefste und am wenigsten subtile Teil unseres Gefühlslebens und daher langweilig. Sie ist fade. Sie hat keine Nuancen. Also treten Sie in den Dialog mit Ihrer Angst, sobald sie sich meldet, weil Sie versuchen, etwas Kreatives zu tun. Sagen Sie ihr: „Ich versuche nur, ein Gedicht zu schreiben, niemand wird sterben.“ Aber versuchen Sie nicht, einen Krieg gegen Ihre Angst zu führen, damit verschwenden Sie nur Energie. Reden Sie mit ihr und machen Sie einfach weiter.

8. Alles Authentische ist auch originell.

Ich bin kein Fan von dem Anspruch, Originelles zu schaffen. Erstens setzt uns dieser Anspruch unter Druck und zweitens ist er eigentlich unmöglich, weil es originelle Werke eigentlich nicht gibt. Zeigen Sie mir ein Kunstwerk, das alle absolut originell finden, und ich bringe Ihnen zehn Akademiker und Kritiker, die es sich ansehen und Ihnen sofort erzählen, woher die Inspiration des Autors kommt, was er gelesen hat, welche Maler er studiert hat … Was mich viel mehr interessiert als der narzisstische Anspruch auf Originalität, ist die Kette der Einflüsse. Der einzige Weg zu wirklich authentischen Werken besteht darin, mit viel Demut, Vertrauen und Neugier der eigenen Wissbegierde zu folgen, wohin auch immer sie führt, und darauf zu vertrauen, dass sich jedes hervorgebrachte Ergebnis originell anfühlen wird. Möglicherweise haben andere schon Ähnliches geschaffen, Sie selbst aber noch nicht. Aber sobald Sie es tun und dem Werk Ihre individuelle Note geben, wird es von ganz allein originell, solange es eine authentische Seele hat.

9. Für Kunst brauchen Sie keine Hochschule.

Oder anders ausgedrückt: In der Kunst darf es keine Schulden geben. Schulden sind das Allerletzte, was Sie gebrauchen können. Es ist völlig egal, wie berühmt eine Akademie ist, wie großartig die Professoren sind oder was sie versprechen, dir zu geben. Wenn sie dir Schulden aufbürden, helfen sie dir nicht. Wenn Sie 100.000 Dollar übrig und keine andere Verwendung dafür haben und diese Akademie besuchen möchten, garantiere ich Ihnen, dass dies eine wundervolle Erfahrung sein wird, weil diese Schulen dafür gemacht sind, wundervolle Erfahrungen zu geben. Oder wenn Sie ein Vollstipendium bekommen und die Akademie kostenlos besuchen können, dann nichts wie hin. Genießen Sie es und freuen Sie sich über Ihr Glück. Aber wenn man Ihnen dort sagt: „Wir schenken Ihnen den unglaublichen Kelch der Weisheit, den unsere erstklassige Fakultät zu bieten hat, aber gehen Sie erst bei der Bank vorbei und nehmen Sie ein Darlehen über 150.000 Dollar auf, um ein wahrer Dichter zu werden“, dann lege ich mich persönlich vor den Eingang der Bank, bevor ich Sie das tun lasse. Ich könnte Sie nicht inniger bitten, es sein zu lassen. Ich habe nichts gegen Hochschulen, ich habe etwas dagegen, Menschen, die ein kreatives Leben führen möchten, mit Schulden zu lähmen.

10. Kreativbranchen ruinieren Karrieren.

Andere Leute, die sich für eine kreative Laufbahn entscheiden und diesen Plan auch umsetzen, landen an Orten, an denen einerseits ihre Arbeit nicht kreativ genug ist, um ihre Seele zu beflügeln, und andererseits ihre Karriere nicht Karriere genug ist, um sich finanziell abzusichern. Das heißt, sie opfern im Grunde Beides. Ich finde, wir sollten nicht versuchen, diese beiden Dinge unter einen Hut zu bringen, und sie separat betrachten. Wählen Sie Ihre kreative Berufung, finden Sie das, was Ihre Seele beflügelt, und setzen Sie es eigenständig um. Betrachten Sie es als etwas Notwendiges, gehen Sie komplett darin auf und finden Sie einen anderen Weg, um Ihre Rechnungen zu bezahlen. Als ich noch Nachwuchsautorin war, wollte ich sehr früh auf eigenen Füßen stehen, meine eigene Assistentin und mein eigener Sugar-Daddy sein. Aber dabei habe ich nie verlangt, dass mein Schreiben etwas anderes darstellt, als das was es für mich wirklich ist und immer bleiben wird – etwas, das ich gerne tue und das mir das Gefühl gibt, mehr zu sein als ein unbeteiligter Zuschauer oder Verbraucher in der Welt.

11. Neugier ist die Wahrheit und der Weg zum kreativen Leben.

Wenn man Ihnen sagt: „folge deiner Leidenschaft“, kann das einschüchternd klingen und sehr verwirrend, weil Leidenschaft manchmal gar nicht klar definierbar ist. Leidenschaften lodern auf und verglühen, manchmal ändern sie sich oder andere Male, womöglich an einem traurigen Dienstagmorgen, nachdem Sie schlecht geschlafen haben, kommt Ihnen Leidenschaft so fern vor, dass Sie sich noch nicht einmal vorstellen können, sie jemals zu erreichen. Und doch bleibt da die Neugier, jene treue, unerschütterliche, freundliche und verfügbare Energie, die niemals unerreichbar ist. Es gibt keinen Tag, an dem Sie nicht ein winziges Fragment von Interesse für irgendetwas auf der Welt aufbringen, ganz gleich, wie unbedeutend es scheinen mag, wie wenig es mit Ihren Aktivitäten zu tun hat oder wie zufällig es Ihren Weg kreuzt. Leidenschaft verlangt volles Engagement von Ihnen. Sie lassen sich scheiden, rasieren sich eine Glatze, ändern Ihren Namen und eröffnen ein Waisenhaus in Nepal. Aber das müssen Sie diese Woche noch nicht tun. Neugier hingegen verlangt überhaupt nichts von Ihnen. Neugier gibt nur und jede Gabe ist ein Stichwort, ein wundervoller Strang, ein winziger Anhaltspunkt auf Ihrer einzigartigen Schnitzeljagd durch das Leben.

Bei Marriott Hotels wird all unser Tun von dem Grundsatz geleitet, dass das Reisen den Geist bereichert und kreatives Denken fördert. Daher arbeiten wir mit TED zusammen, dem allerbesten Team für Ideen, die die Welt verändern. Hier teilen wir die besten dieser Ideen in Artikeln und Videos, die zum Nachdenken anregen, um die Kreativität von Reisenden zu entfachen und neue Perspektiven zu bieten.