Titelgeschichte

Wie Waze mit seinem ehrgeizigen Plan Verkehrsstaus ein für alle Mal ein Ende bereiten will

von Cara Cannella

Waze revolutionierte Navigation durch Crowdsourcing. Jetzt, mit der Unterstützung von Google, bringt die App ganz neue Funktionen heraus, um Verkehrsstaus zu vermeiden – und zwar dauerhaft.

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Mitte der 2000er-Jahre erhielt Ehud Shabtai, Mitbegründer von Waze Mobile, ein Geschenk von seiner Freundin, das seine Welt verändern sollte: ein Navigationssystem.

Das ziemlich teure Gerät sollte eigentlich nützlich sein. Doch schon beim Auspacken war es veraltet und funktionierte nicht richtig.

Mit seiner Begeisterung für Open Source Codes und seinen Abschlüssen in Computerwissenschaft und Philosophie der Universität Tel Aviv hatte Shabtai das dringende Bedürfnis, das Gerät zu verbessern. Er fand, dass das Navi-Display die sich ständig verändernde Infrastruktur einer Region besser wiedergeben solle.

Seine Lösung? Mithilfe anderer innovativer Unternehmer eine App zu entwickeln und dazu Ideen zu nutzen, die vielen Menschen zugutekommen. Mit monatlich 80 Millionen aktiven Nutzern weltweit, darunter fast 400.000 Superuser, die so ähnlich wie die ehrenamtlichen Redakteure von Wikipedia agieren (nur, dass sie Karten und keine Texte bearbeiten), ist Waze Mobile keine kuriose Idee eines einzelnen Computerfreaks mehr, sondern ein revolutionäres Navigationssystem, auf das sogar ein Technologieriese aufmerksam wurde.

Das 2013 von Google für mehr als 1 Milliarde US-Dollar übernommene Unternehmen verdankt einen großen Teil seines Werts seiner hohen Nutzerbeteiligung. Im Gegensatz zu traditionellen Navigations-Apps, die einfach die Richtung vorgeben, fordert Waze seine Nutzer dazu auf, Unfälle, Staus und andere Verkehrsstörungen in Echtzeit zu melden, sodass andere Nutzer eine andere Route wählen können. Der Spielcharakter gibt den Nutzern den Anreiz mitzumachen – sie können Punkte, Abzeichen und andere Prämien verdienen und sich zum Beispiel von der Stimme von Morgan Freeman durch den Verkehr lotsen lassen.

Das Ziel, das Waze mit seinem durch Crowdsourcing finanzierten, benutzerorientierten Ansatz verfolgt, ist ehrgeizig: den Verkehr nicht nur zu entspannen, sondern Verkehrsstaus ein für alle mal zu beenden. Und das ist nicht so verrückt, wie es zunächst klingt. Angesichts der Verkehrslandschaft, die dringend eine Innovation braucht, und mit Rückendeckung von Google sucht Waze nach neuen Wegen, die Vision mithilfe seines treuen Stamms aktiver Nutzer zu verwirklichen, unter anderem durch Pläne, Fahrgemeinschaften „cooler“ zu machen.

Demokratische DNA

Und Verkehrsstaus sind ein Problem, unter dem Städte und Pendler auf der ganzen Welt leiden. Jedes Jahr verschwenden amerikanische Autofahrer laut einer neueren Studie umgerechnet rund 1.200 Dollar an Benzin und Zeit, weil sie im Verkehr feststecken. Das ist ein Problem, das jeder lösen möchte. Automobilhersteller und Technologieunternehmen investieren zig Millionen in alle möglichen Dinge, angefangen beim Navigationssystem über Mitfahrgelegenheiten bis hin zu fahrerlosen Autos.

Weitgehend unbeachtet von der Welt ist Waze schon seit geraumer Weile führend in diesem Bereich. Bereits 2013, als Waze noch ein kleines Unternehmen für digitale Karten war und nur über begrenzte Mittel verfügte, hatte es etwas, was Google Maps und andere Wettbewerber nicht hatten: bessere Navigationssysteme dank des nie versiegenden Stroms aktueller Verkehrsmeldungen der Nutzer.

Diese Nutzer waren auch der Eckpfeiler von Shabtais Plan, der „unintelligenten“ Hardware seines Navigationssystems Beine zu machen: Er gründete die „App in Software“, die ständig von jedem aktualisiert werden kann.

„Das allein war schon ein innovatives Konzept – eine Software zu entwickeln, die in der Cloud sitzt, auf jedes Smartphone heruntergeladen werden und blitzschnell verbreitet werden kann und auf diese Weise rasant wächst“, schildert Julie Mossler, die globale Marken- und Marketingchefin von Waze. „Weil wir diese Gemeinschaft freiwilliger Kartenredakteure hatten, konnten wir uns von Israel aus in die ganze Welt ausbreiten, ohne überall Niederlassungen eröffnen oder viele Leute einstellen zu müssen. Das war für unseren Erfolg mit begrenztem Budget ausschlaggebend.“

Dass Autofahrer, die ein Smartphone besitzen, unabhängig von wirtschaftlichem Status oder Markt mitmachen können, ist ein zentraler Vorteil von Waze, so Mossler.

„Jeder kann Redakteur werden. Dazu muss man sich nur fünf Minuten lang [instructional] YouTube-Videos ansehen und kann dann die Karten im Umkreis von einem Kilometer um seine Wohnung bearbeiten“, erklärt sie. „So kann jeder in seiner unmittelbaren Umgebung etwas bewirken.“

Die freiwilligen Redakteure nehmen ihre Rolle ernst und verbringen Stunden damit, Karteninformationen zu aktualisieren und so anderen Verkehrsteilnehmern zu helfen. Dieses virale, durch Crowdsourcing finanzierte Navigationskonzept hat sich mittlerweile auf andere verkehrsbezogene Ideen ausgeweitet und dazu geführt, dass das Unternehmen in Kalifornien und Brasilien eine neue Waze Carpool App auf den Markt gebracht hat.

Der Fahrgemeinschaft gehört die Zukunft

Waze Carpool bekämpft Verkehrsstaus direkt an der Ursache, indem man versucht, mehr Autofahrer zur Bildung von Fahrgemeinschaften – Neudeutsch: Carpools – zu bewegen und so Autos von der Straße zu bekommen. Die App bringt Zehntausende von Mitfahrwilligen mit Autofahrern zusammen, die bereit sind, sie mitzunehmen. Wenn man diese Dynamik beibehält, könnte das die Lösung für eine staufreie Zukunft sein.

Erstmalig in Erscheinung traten Fahrgemeinschaften zu den Zeiten von Ölkrise und Ölpreishoch in den 1960er- und 1970er-Jahren, allerdings konnten sie sich nie wirklich durchsetzen. Der Prozentsatz der Pendler, die sich zu Fahrgemeinschaften zusammenschließen, liegt seit Jahrzehnten konstant im einstelligen Bereich, so Josh Fried, der Leiter der in San Francisco ansässigen Niederlassung von Waze Carpool. Dabei würde selbst eine geringfügige Zunahme der Zahl der Fahrgemeinschaften auf den Straßen eine Menge ausmachen.

„Wenn wir 15 bis 20 Prozent der Leute dazu bewegen können, regelmäßig Fahrgemeinschaften zu bilden, sind Verkehrsstaus bald ein Ding der Vergangenheit“, prognostiziert er. „Bei zweistelligen Zuwächsen wären die Autobahnen frei, und der Verkehr könnte optimal fließen.“

Im Vergleich zu High-Tech-Lösungen aus dem Silicon Valley, wie Hyperloops, autonome Fahrzeuge und fliegende Autos, die im Wasser landen, sind Fahrgemeinschaften nicht sehr spektakulär. Dafür sind sie langfristig vielleicht die realistischste Möglichkeit, in Sachen Verkehr etwas zu bewegen.

„Diese Dinge sind zwar echt cool“, findet Fried, „doch lassen sie sich nicht über Nacht realisieren. Schließlich muss man die Infrastruktur anpassen und die Leute auf eine Zukunft vorbereiten, in der wir von Robotern befördert werden. Wir versuchen stattdessen, die vorhandene Infrastruktur und die Straßen zu nutzen und unsere Plattform für Menschen auszubauen, die eine Mitfahrgelegenheit suchen oder bieten.“

Uber, Lyft und andere bieten Taxipools an, doch Waze Carpool richtet sich eher an Pendler auf dem täglichen Arbeitsweg. Zwar sind schon andere Carpool Start-ups für Pendler gekommen und wieder verschwunden. Trotzdem wettet Fried darauf, dass Waze den Durchbruch schafft, weil man die Carpool-Technologie auf seine beliebte Navigationssoftware draufsattelt und die von den Nutzern generierte Datenbank weiter ausbaut. Zu diesem Zweck organisiert Fried Treffen der wachsenden Carpooler-Gemeinde aus der Region, sammelt deren Rückmeldungen und lässt diese direkt in die Produktentwicklung einfließen.

„Man muss die Leute schon fragen, was sie wollen und was sie brauchen, wenn man sie dazu bringen will, ihre Fahrgewohnheiten dauerhaft zu ändern.“

Es lohnt sich, diese Fragen zu stellen, wenn man sich überlegt, dass man auf staufreien Straßen täglich 15 oder sogar 30 Minuten einsparen kann, so Fried.

Städte als aktive Nutzer

Der Gemeinschaftscharakter von Waze, der im Wesentlichen davon lebt, von einem Fahrer zum nächsten weitergegeben zu werden, hat eine neue Idee entfacht, wie sich scheinbar Festgefahrenes lösen lässt. Dabei spielt der Welleneffekt des Teilens eine Rolle, denn er könnte Städten dabei helfen, ihre Infrastrukturprobleme an der Wurzel (Verkehrsstaus) zu beseitigen.

Beim 2014 herausgebrachten Connected Citizens Program geht es im Wesentlichen darum, Städte, Verkehrsabteilungen und Rettungsdienste in Superuser zu verwandeln. Städte auf der ganzen Welt tauschen sich über ihre Infrastrukturdaten aus, um App-Nutzern zu helfen, besser durch den Verkehr zu finden. Waze teilt seine Daten mit den Städten, um ihnen zu helfen, besser informierte Planungsentscheidungen zu treffen, von der Schlaglochreparatur bis hin zum Straßenneubau.

Mit Zugang zu all diesen Daten von Städten und Autofahrern hat Waze durchaus das Zeug, die Antwort auf die Verkehrsprobleme der Welt zu sein, vor allem angesichts der Bemühungen der Automobilhersteller um Relevanz und der Grabenkriege rund um das Thema Mitfahrgelegenheiten. Seit der Gründung von Waze Carpool überlegen sich einige Städte, die bei Connected Citizens mitmachen, Fahrgemeinschaften für staumüde Einwohner zu subventionieren.

„Sie sehen ja anhand der Beispiele in der Praxis, wie wirkungsvoll Carpooling sein kann“, erläutert Fried.

Als jemand, der selbst regelmäßig Fahrgemeinschaften nutzt, findet Fried, dass eine lokale Carpool-Kultur vielleicht nicht die Welt bewegt, aber auf jeden Fall zur Gemeinschaft beiträgt.

„Die Leute hören gemeinsam Radio, vor allem NPR“, erklärt er. „Viele fahren täglich zur Arbeit ins Silicon Valley, es wird also viel über Technik gesprochen. Auch die hohen Mieten in der Gegend sind ein Thema – wo man wohnt und was man dafür bezahlt.“

Verglichen mit wiederverwendbaren Raketen und hochmodernen Elektrofahrzeugen sind ein paar Leute, die sich täglich in ein Hybridauto zwängen, um zusammen zur Arbeit zu fahren, natürlich wenig glamourös. Doch die Anfänge von Waze, die auf ein unhandliches Navigationssystem zurückgehen, sollten uns daran erinnern, dass Innovation nicht schrill daherkommen muss. Es sind die stetigen kleinen Schritte, die einen ans Ziel bringen.