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Die Bedeutung der Gemeinschaft für Gesundheit und Produktivität

von Rebecca Dalzell

Es ist eindeutig erwiesen: Wer sein Handy zur Seite legt und sich die Zeit nimmt, im echten Leben Menschen zu treffen und vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen, führt ein ausgefüllteres, längeres und produktiveres Leben.

Lesezeit: 04 Minuten

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Jeder, der ein Smartphone besitzt, spürt täglich den Drang, über dieses winzige Display seine digitalen Kontakte zu pflegen. Und auch wenn uns dieser Impuls als normal erscheint, unterscheidet er sich drastisch davon, wie die Menschen sich noch vor wenigen Jahrzehnten verhielten.

In den 1960er-Jahren verbrachte der durchschnittliche US-Amerikaner 10 Stunden pro Woche vor dem Fernseher; heute sind es dem American Time Use Survey zufolge wöchentlich über 19 Stunden. Und darin ist die Zeit, die die Menschen mit ihrem Smartphone verbringen, noch gar nicht enthalten: Sie macht zusätzliche fünf Stunden pro Tag aus – 20 Prozent mehr als im Jahr 2015.

Vielleicht liegt es ja an der schieren Menge an Zeit, die wir unseren Blick auf Bildschirme richten, dass heute nur noch 4,5 Stunden pro Woche sozialen Kontakten gewidmet werden. Dem General Social Survey aus dem Jahr 2016 zufolge gibt ein Drittel der US-Amerikaner an, überhaupt keinen Kontakt mit Nachbarn zu pflegen – ein neues Rekordniveau.

Diese Zunahme der digitalen Aktivität stellt die heutige technikversierte Bevölkerung vor eine entscheidende Frage: Wie können die Menschen bei ihrer Arbeit produktiv und in ihrem Privatleben verbunden bleiben und sich trotzdem persönlich in der Gemeinschaft engagieren – was für ein glückliches, ausgefülltes Leben unerlässlich ist?

Die wissenschaftliche Forschung hat wiederholt gezeigt, dass starke persönliche Bindungen und ein Gemeinschaftssinn nicht nur mit einem längeren Leben und der Fähigkeit in Zusammenhang stehen, Belastungen standzuhalten, sondern außerdem ein erfüllteres, produktiveres Leben ermöglichen.

Für alle, die ihr iPhone, ihr E-Book und ihren Aktivitätstracker nie aus der Hand legen, bieten wir hier fünf gute Gründe, warum es sich trotzdem lohnt, auch im echten Leben Kontakte zu knüpfen.

Forscher der Brigham Young University haben herausgefunden, dass Menschen mit vielen guten Freundschaften länger leben als Menschen ohne Freunde. Eine umfassende Analyse, die 148 Studien mit mehr als 300.000 Teilnehmern verglich, ergab, dass starke Verbindungen innerhalb der Gemeinschaft die Überlebenschance um 50 Prozent erhöhen. Diesen Erkenntnissen zufolge erhöht ein aktives Sozialleben die Lebenserwartung sogar stärker als sportliche Betätigung.

Hier ist der Haken: Qualität und Quantität der Beziehungen sind beide wichtig. Um länger zu leben, muss ein großes Netz an bedeutungsvollen sozialen Kontakten gepflegt werden.

Starke Verbindungen innerhalb der Gemeinschaft erhöhen die Überlebenschance um 50 Prozent.

Gemäß der wegweisenden Harvard Study of Adult Development sind enge Beziehungen die wichtigste Zutat für ein glückliches Leben.

Über 75 Jahre hinweg beobachteten die Forscher 724 Männer – 268 Harvard-Absolventen und 456 Anwohner der Innenstadt Bostons – von ihrer Jugend bis ins hohe Alter hinein, um herauszufinden, welche Variablen für ein gesundes Altern ausschlaggebend sind. Das Ergebnis? Mehr als Geld, Ruhm oder günstige Gene sorgen liebevolle Beziehungen im Laufe des Lebens für Glück und Lebenserfüllung.

Der Grund dafür erschließt sich uns intuitiv. Wer sich auf einen Partner oder engen Freund verlassen kann, ist besser in der Lage zu entspannen. Die Beziehung mindert physischen und seelischen Schmerz und macht es leichter, die Rückschläge des Lebens zu verkraften.

 

„Im Laufe dieser 75 Jahre … fuhren die Personen am besten, die sich auf Beziehungen einließen – zur Familie, zu Freunden, zur Gemeinschaft.“

– Robert Waldinger, Leiter der Harvard-Studie

Emma Seppälä, Science Director am Center for Compassion and Altruism Research and Education der Stanford University und Autorin von „The Happiness Track“ schreibt, dass Menschen, die sich mit anderen verbunden fühlen, vertrauensvoller und kooperativer sind.

Außerdem verfügen sie über ein höheres Selbstwertgefühl und ein tieferes Einfühlungsvermögen. Sie sind weniger ängstlich, neigen seltener zu Depressionen und haben ihre Gefühle besser unter Kontrolle. Um die Art Verbindungen zu pflegen, die diese Wirkungen zeigen, empfiehlt Seppälä vor allem zwei Dinge:

  • Bitten Sie um Hilfe. Auf andere zuzugehen schafft für beide Beteiligten ein Gefühl der Zugehörigkeit.
  • Bieten Sie Hilfe an. Dies schafft ein Gefühl der Sinnhaftigkeit und Verbundenheit.

Während man in vielen Unternehmen besorgt ist, dass Flurgespräche mit Kollegen Geschäftseinbußen nach sich ziehen könnten, zeigen neue Studien, dass der Gemeinschaftssinn im Büro vielmehr die Produktivität steigert.

Um die soziale Interaktion und Produktivität am Arbeitsplatz besser zu verstehen, untersuchte Ben Waber, Autor von „People Analytics“, die in den Call-Centern der Bank of America vorherrschende Geschäftskultur. Er unterteile die 25.000 Mitarbeiter in zwei Gruppen: Eine Gruppe machte gemeinsam Pause, die Mitglieder der anderen nacheinander allein.

Nach drei Monaten bildeten die Mitarbeiter, die gemeinsam Pause gemacht hatten, zusammenhängende soziale Gruppen und fühlten sich weniger gestresst. Außerdem erledigten sie ihre Arbeit 23 Prozent schneller und sorgten dafür, dass die Bank geschätzte 15 Millionen Dollar pro Jahr einsparte.

Im Jahr 1997 infizierten Psychologieforscher der Carnegie Mellon University 276 gesunde Freiwillige mit einer gewöhnlichen Erkältung. Dabei zeigte sich, dass die Personen, die über mehr soziale Kontakte und insbesondere ein vielfältiges soziales Netzwerk verfügten, weniger empfänglich für das Virus waren.

Je mehr soziale Rollen – wie Elternteil, Freund oder Kollege – sie innehatten, desto weniger anfällig waren sie für die Erkältung.

Während 68 Prozent der Teilnehmer, die zwischen einer und fünf soziale Rollen innehatten, krank wurden, erkrankten nur 51 Prozent der Teilnehmer mit sechs oder mehr sozialen Rollen [Quelle].

Seit der Studie sind 20 Jahre vergangen, doch ihre Erkenntnisse haben ihre Gültigkeit behalten. Menschen mit mehr Kontakten bleiben in Stresssituationen eher gesund.

Zurück zur Gemeinschaft

Da die Technik immer ausgefeilter wird, werden die verschiedensten Geräte eine immer größere Rolle im Leben der Menschen spielen. Und doch würde es uns gut tun, uns inmitten unserer täglichen digitalen Korrespondenz folgendes Mantra vor Augen zu halten: Soziale Kontakte wirken sich positiv auf Gesundheit und Karriere aus.

Wer sein Handy zur Seite legt und sich die Zeit nimmt, im echten Leben Menschen zu treffen und vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen, führt ein erfüllteres, längeres und produktiveres Leben.